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Die H-Milch – eine Erzählung von Silvia van Loon
Es gab einmal eine H-Milch, die war in eine Verpackung eingesperrt. Da sie sehr empfindlich gegenüber Luft, Wärme und Licht reagieren könnt, wurde sie von Menschen kühl und dunkel aufbewahrt. Bis zum Öffnen ihrer Verpackung, durfte sie sich ca.6-8 Wochen bei Raumtemperatur wohlfühlen. Sie lebte fortan in einem großen Einkaufszentrum, wo es noch viele andere Frischmilch-und Milchprodukte gab, die allerdings direkt im Kühlregal landeten. Dort herrschten Temperaturen von 3-9°c, die für diese durchaus angenehm waren. Nur der Käse, der es auch gerne etwas wärmer gehabt hätte, war etwas traurig. Der eitle Geselle trägt gerne seinen Edelschimmel zur Schau, jedoch gibt es auch Wildschimmel wofür sich jedoch jeder Käse schämen dürfte. Auch die Kunden sehen das so. Der Käse ist bei Raumtemperatur, wie sie im Keller oder in der Speisekammer herrscht, viel aromatischer und Wildschimmel kann sogar Krebs erzeugen. Das würde der Käse nicht auf sich nehmen wollen. Am liebsten reift er im ganzen Laib heran, da er von anderen erfahren hat, die Gespräche von Hausfrauen an der Käsetheke belauschten, dass viele Kunden vergaßen ihn in Frischhaltefolie einzupacken, nachdem sie ihn in Scheiben oder Stücke geschnitten hatten. Außerdem kommt der Käse bei vielen direkt aus dem Kühlschrank auf den Tisch, dabei würde er doch lieber zuvor etwa 2 Stunden irgendwo anders entspannen und die schöne Aussicht einer Küche auf sich wirken lassen. Dort wird er ja letztendlich verzehrt. Die H-Milch stand also da unter all den anderen verpackten Artgenossen und schmollte vor sich hin, denn ihr Mindesthaltbarkeitsdatum rückte immer näher. Alle Kunden wollten sie nicht haben, immer hatten andere mehr Glück. Entweder nahmen Kunden die frischeren länger haltbaren mit oder ignorierten sie einfach, weil sie aus Mecklenburg-Vorpommern stammte. Dies konnten sie anhand des Genußtauglichkeitszeichens, welches immer auch noch gut kenntlich im ovalen Zeichen außen angebracht sein muss. Dass hat sie immer schon geärgert, da steht: D-MV-247EWG D für Deutschland; MV für Mecklenburg-Vorpommern; 247 für die Molkerei und dann noch Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, damit auch ja jeder nachvollziehen kann, wo sie herstammt. Falls mit ihr irgendwann einmal etwas nicht in Ordnung sein sollte, würde man alles herausfinden, was sie zu vertuschen versuchte. Sie hatte doch wirklich schon genug durchgemacht. Erst wurde sie als Rohmilch mehrmals im Monat irgendwelchen Proben unterzogen und Teile von ihr in Labors untersucht, dann wurde der Preis für sie ausgehandelt, wie auf einem türkischem Basar ging das zu. Hast du eine Spitzenqualität, gibt es viel für dich und sonst bleibst du eben wie sie eine billige H-Milch. Die Qualität drückt sich aus anhand der wertgebenden Inhaltsstoffe(Fett- und Eiweißgehalt) und ihrer Zusammensetzung. Ob sie keimbelastet ist oder Hemmstoffe enthalten sind, wie z.B.Arzneistoffrückstände von der Kuh, der Zellgehalt, der Aufschluss auf den Gesundheitszustand der Kuh gibt wird festgestellt. Tag ein Tag aus dachte die H-Milch darüber nach, warum niemand sie wollte, doch andererseits war sie auch froh. Denn sie hatte ja dieses Geheimnis!!! Keine andere Milch sollte es je erfahren, denn sollte es herauskommen, würde sie sofort in den Abfluss gelangen. Doch es war ihr sehnlichster Wunsch einen Menschen durch ihren Genuss glücklich zu machen. Plötzlich stand eine Person im weißen Kittel vor ihrem Lagerort und sie freute sich, dass dieser Kunde sie vielleicht mitnehmen würde, doch dann verstand sie, dass der Kittel nichts Gutes bedeuten konnte. Und so geschah es. Die Weiße-Kittelperson nahm sie, genau sie aus dem Stapel und verglich das verdammte ovale Zeichen mit einer Liste, die sie dabei hatte. Die H-Milch gelangte auf Irrwegen in ein Labor. Sie wurde entblößt und in ein Becherglas umgefüllt. Die eindringenden Lichtstrahlen schmerzten sehr. Hoffentlich würden sie sich beeilen mit Den Tests, damit sie nicht so schnell verderbe. Im Kühlschrank hätte sie noch eine Chance von 2-3 Tagen und wenn sie verderbe würde es vielleicht nicht einmal jemand bemerken, denn sie würde nicht sauer schmecken. Es ist einige Zeit vergangen, seit sie den Euter von Kuh Amalie verließ, doch dass es so ein sinnloses Ende nehmen würde, hatte sie sich nicht erhofft. Nach den ersten Tests die sie nun über sich ergehen lassen musste, wurde sie beiseite gestellt und konnte sich ihren Frust von der Seele reden. Da war eine Vorzugsmilch, die älter als 24 Stunden war, als sie an den Verbraucher ging, dies durfte nicht sein. Anderenfalls hätte sie noch 2-3 Tage länger lagern dürfen. Eine pasteurisierte Milch erzählte, dass sie bereits nach 4 Tagen schon sauer war, sie aber eigentlich bis zu 6 Tagen haltbar sein müsste. Eine sterilisierte Milch gab zu, ein Kind krankgemacht zu haben, weil sie nach dem einen Jahr Ohne Kühlung sauer geworden sei aber sich das nicht hat anschmecken lassen. Zwei Sauermilchprodukte erzählten, dass sich ihre Deckel gewölbt haben und keiner sie mehr essen wollte und der Kefir war sehr traurig weil jemand sich nicht mit Kefir auskannte und dachte er sei verdorben, weil sich sein Deckel wölbte, was doch für ihn völlig üblich sei. Dann war da noch die Sprühsahne, die eine ganz verschimmelte Tülle hatte. Jemand wollte sie einfach nur mal probieren und hat den Deckel anschließend wieder darauf gesteckt. So wurde sie schimmelig und landete wie die H-Milch zur Untersuchung im Labor. Die H-Milch hatte nun alle Untersuchungen mit einem sehr schlechten Gewissen überstanden Und sie traute dem Ergebnis kaum. Alles O.K.!!! Sie hatte doch seit ihrer Entstehung immer gedacht, dass die Amalie Antibiotika in hohen Dosen bekommen hätte und sie deshalb Angst haben muss aufzufallen. Das war dann wohl doch nicht so und sie hätte so ein schönes ruhiges Leben in ihrer Verpackung haben können, wenn diese Angst nicht gewesen wäre. Der Laborant übrigens fand die Qualität der H-Milch zu gut um sie einfach zu entsorgen und trank sie mit Genuss zu seinem Frühstücksbrötchen. So hatte das Leben der H-Milch doch einen Sinn gehabt und bei jedem Schluck freute sich ein Teil von ihr einem Menschen Genuss bereitet zu haben. |